Neue Serie: OBJEKT DES TAGES

Wir bringen Kunst in Ihren Alltag

Seit jeher unterliegt die Gestaltung unseres Alltags einem stetigen Wandel. Momentan erleben wir alle eine durchaus abrupte und einschneidende Veränderung, die sich massiv auf die täglichen Abläufe unseres Zusammenlebens auswirkt. Wir ändern unsere Rhythmen, setzen andere Schwerpunkte, brechen mit alten Gewohnheiten oder entdecken manche von ihnen von Neuem. Für viele ist in diesen Tagen und Wochen die Wohnung zum eingeschränkten Lebensraum geworden: Treffpunkt digitaler Kommunikation, Spielplatz, Arbeitsraum und notgedrungen auch Rückzugsort. Möglicherweise erlangen ja manche Dinge in unserer häuslichen Umgebung neue Aufmerksamkeit und eine andere Wertigkeit.

Auch ein Museum steht in diesen Tagen vor ungewohnten Aufgaben: vor geschlossenen Türen zu vermitteln. Im Gegensatz zum Lebensmittelmarkt, der Müllabfuhr oder dem Pflege- und Gesundheitsbereich, die in diesen Zeiten Unglaubliches leisten, um unser System am Laufen zu halten, können wir als Kulturinstitution im Moment den größten gesellschaftlichen Beitrag leisten, indem wir unsere Tore für Sie geschlossen halten.

Nichtsdestotrotz – oder umso mehr – wollen wir weiterhin Kunst in Ihren Alltag bringen. Denn, ob nun analog oder digital, Kunst bildet einen Resonanzraum für unser Zusammenleben, indem sie es gestaltet und auch inspiriert. Lassen Sie sich jeden Tag aufs Neue von einem der „Schätze“ des MAK überraschen! Die SammlungsleiterInnen und KuratorInnen des Hauses haben die Objekte unter verschiedenen Aspekten ausgesucht: weil sie sie in den gegenwärtigen Tagen für relevant erachten, weil sie sie besonders beschäftigen oder weil sie möglicherweise den Frühling auf Ihren Bildschirm bringen. Sie haben Objekte gewählt, die ihnen besonders am Herzen liegen oder sie besonders begeistern. Diese Stücke möchten wir in unserer neuen Serie Objekt des Tages vorstellen und ihre Faszination ergründen.

Wir freuen uns, Ihnen Kunst nach Hause zu liefern: Bleiben oder werden Sie gesund und bleiben Sie zu Hause! Wir kommen zu Ihnen!

Unser heutiges Objekt des Tages

Do, 2.4.2020

ENTWÜRFE FÜR DIE WW-POSTKARTEN NR. 641 UND 642

Mela Koehler, 1912
WWPKE 80, WWPKE 81
© MAK

Die Grafikerin Mela Koehler hat zwischen 1907 und 1912 mehr als 150 Post- und Tischkartenmotive für die Wiener Werkstätte entworfen. Ihr Hauptsujet „Mode“ hat sie dabei teils elegant, teils augenzwinkernd mit den Themen Krampus, Weihnachten, Neujahr, Ostern oder Kinderspiele verbunden. Besonders gelungen, ja fast mitreißend, ist eine Serie aus sechs quadratischen Karten mit ball- oder reifenspielenden Mädchen – eines übt mit dem Diabolo. Bevor man sich wieder im Freien richtig austoben kann, bieten wir eine „virtuelle Freiheitsbewegung“ im World Wide Wonderland, einem Spiel, das für die neue MAK LAB APP entwickelt wurde.

Anne-Katrin Rossberg, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

Inspirationen - Bisherige Objekte

Mi, 1 Apr 2020

HERZFÖRMIGER ANHÄNGER

1911/12
Entwurf: Stephanie Hunfalvy
Ausführung: Wilhelm Haarstrick
WI 1167
© MAK/Georg Mayer

Wer mag sich nicht an diesem filigranen Gespinst erfreuen, das 18 Perlen, zehn Diamantrosetten, Citrin und verschiedenfarbige Saphire zu einem kostbaren Kleinod machen! Nach einem Entwurf der Textil- und Schmuckkünstlerin Stephanie Hunfalvy wurde der Anhänger vom Salzburger Goldschmied Wilhelm Haarstrick ausgeführt und 1912 auf der Frühjahrsausstellung des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie (heute MAK) gezeigt. Die Filigran-Technik ist traditionell – und weltweit – mit dem Volksschmuck verbunden, und führte in unserem Beispiel zu einer subtilen modernen Version des Herz-Anhängers für die weibliche Tracht.

Anne-Katrin Rossberg, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv
Di, 31.3.2020

BLUMENSCHALE & ENTWURF FÜR EINE BLUMENSCHALE

BLUMENSCHALE
Entwurf: Eduard J. Wimmer-Wisgrill, 1910
WI 977
© MAK/Georg Mayer

ENTWURF FÜR EINE BLUMENSCHALE
Eduard J. Wimmer-Wisgrill, 1909
KI 13212-1
© MAK

„Kunst in den Alltag“ – nach diesem Motto war die Wiener Werkstätte 1903 angetreten, den Alltagsgegenständen ihre Qualität wiederzugeben und die Verschönerung des Lebens voranzutreiben. Ganz wichtig war dabei die Tafelkultur, ablesbar an unendlich vielen Entwürfen für Besteck, Service, Gläser sowie Schalen und Aufsätze für Blumen oder Obst. Dazu gehört auch das heutige Objekt, das sich sein Entwerfer ursprünglich durchbrochen und mit einer ultramarinblauen Glaseinlage vorstellte. Angefertigt wurde es in geschlossener Form aus vergoldetem Silber.

Anne-Katrin Rossberg, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv



Mo, 30.3.2020

HOLZSPIELZEUG AUS DER WIENER KUNSTGEWERBESCHULE

1920er Jahre
PL 968
© MAK

Kunst für Kinder und von Kindern war vor hundert Jahren ein großes Thema. Die berühmte Wiener Kunstschau 1908 widmete dem Thema „Kunst für das Kind“ einen eigenen Raum, wo vor allem handgearbeitetes Spielzeug, aber auch Möbel und Dekor für das Kinderzimmer gezeigt wurden. Auch der Jugendkunstkurs von Franz Čižek an der Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst Wien) erfreute sich besonderer Beliebtheit. Hier stand nicht das Lernen von Techniken im Vordergrund, sondern die Kreativität, die sich in allen Materialien ausdrücken sollte. Schon damals wurde davon gesprochen, dass „jeder Mensch als Künstler geboren“ sei.

Anne-Katrin Rossberg, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

Fr, 27.3.2020

WIENER-WERKSTÄTTE-POSTKARTE NR. 32 & BLUMENKÖRBCHEN

WIENER-WERKSTÄTTE-POSTKARTE NR. 32
Entwurf: Leopoldine Kolbe, 1907
KI 8873-192
© MAK

BLUMENKÖRBCHEN
Entwurf: Josef Hoffmann, 1906
(zeitgenössische Fotografie)
WWF 97-24-3
© MAK

Den Anfang machten 1904 einfache Serviettenringe von Josef Hoffmann mit ausgeschnittenen Quadraten: Es war das Geburtsjahr der berühmten „Gitterobjekte“ der Wiener Werkstätte (WW). Es gab sie als Brot- und Obstkörbe, als Vasen mit Glaseinsatz oder als Blumenständer aus weiß lackiertem Zinkblech. Ab 1908 wurden sie zu Hunderten von der Metallwarenfabrik Christoph Cloeter erzeugt, gehörten also zu den echten Verkaufsschlagern der WW. Genauso wie die Postkarten, die ab 1907 in Umlauf kamen und, wie in unserem Beispiel, für die eigenen Waren fantasievoll Werbung machten.

Anne-Katrin Rossberg, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv
Do, 26.3.2020

Andachtsbild mit dem Martyrium der Heiligen Corona

Wien, 2. Viertel 19. Jahrhundert
Stecher: F. Donhoffer
Verleger: J. Bermann
Kolorierter Kupferstich
KI 8108-179
© MAK

Corona hat unser Leben völlig auf den Kopf gestellt. Wer von uns denkt dabei schon an eine frühchristliche Märtyrerin, die Heilige Corona? Indem sie von den hochschnellenden Palmbäumen, an denen sie festgebunden worden war, zerrissen wurde, erlitt sie ihr Martyrium. Ihr Name bedeutet „Krone“, weshalb sie in nachmittelalterlicher Zeit zur Patronin und Helferin in Geldangelegenheiten wurde. Die Heilige Corona wird aber auch um Hilfe gegen die Ausbreitung von Seuchen angefleht. Genau das, was wir in unserer derzeit von Krankheit und wirtschaftlichen Sorgen erschütterten Welt brauchen!

Kathrin Pokorny-Nagel, Leitung MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung/Archiv


Mi, 25.3.2020

Stoffmuster "La Pensée"

nach einem Entwurf von Raoul Dufy für Atelier Martine
aus einem Musterbuch der Firma J. Claude Frères & Cie, 1911–1913
T 12859
© MAK

Ein weiteres meiner persönlichen Lieblingsobjekte ist das Musterbuch der Pariser Firma J. Claude Frères & Cie der Jahre 1911 bis 1913, in dem 1 165 „anonyme“ Druckstoffe – ohne Hinweis auf ihre Hersteller – als „Inspiration“ für AbonnentInnen gesammelt wurden. Darin sind nicht nur zahlreiche Stoffmuster der international erfolgreichen Wiener Werkstätte eingeklebt, es finden sich auch welche des berühmten französischen Künstlers Raoul Dufy für das Atelier Martine, das vom französischen Modeschöpfer Paul Poiret gegründet wurde. So auch das Motiv La Pensée („Vergissmeinnicht“), zu dem sich in der Sammlung des FIDM Museum in Los Angeles ein „Zwilling“  finden lässt.

Lara Steinhäußer, Kustodin MAK-Sammlung Textilien und Teppiche
Di, 24.3.2020

Reisetasche mit Eisenbahnmotiv

Mitte 19. Jahrhundert
Leder, Baumwolle, Glas- und Metallperlen; bestickter Stramin
T 11642-7
© MAK

Der Inbegriff des fortschrittlichen Reisens im 19. Jahrhundert prangt als Emblem auf diesem schicken Accessoire für den mondänen Freizeit-Genuss: die Dampflokomotive. Mit ihren reduzierten Grautönen erinnert sie nicht nur an das glänzende Metall und die Rauchschwaden des industriellen Zeitalters – sie ziert die verschließbare Reisetasche aus Leder wie eine Grisaille (Grau-in-grau-Malerei). Taschen wie diese waren damals sehr en vogue, wie fast identische Modelle in der Sammlung des Deutschen Historischen Museums in Berlin  sowie im Museum Weißenfels im Schloss Neu-Augustusburg in Weißenberg an der Saale zeigen.

Lara Steinhäußer, Kustodin MAK-Sammlung Textilien und Teppiche